Endlich … Kursänderung in der Kardiologie

Ungeachtet aller Fortschritte in kardiologischer Prävention
(Vorsorge) und Therapie sind Herzerkrankungen noch immer mit Abstand Todesursache
Nummer eins.
Die Risikofaktoren, die eine Herz-Kreislauf-Erkrankung begünstigen, sind
hinreichend bekannt:

• Hypertonie (Bluthochdruck)
• Diabetes (Blutzuckerkrankheit)
• Hypercholesterinämie (erhöhte Blutfettwerte)
• Rauchen
• Bewegungsmange und daraus resultierendes Übergewicht (Adipositas)
• Familiäre Disposition (gehäuftes Auftreten von Herzerkrankungen
in der Familie)
• Erhöhte Laborwerte von Lipoprotein und Homocystein
• Stress

Illustration gebrochenes Herz

Psychischer Stress

Dass Stress das Entstehen und den Verlauf von Koronaren Herzerkrankungen
entscheidend beeinflussen kann ist keine neue Erkenntnis.
Doch inwieweit fand dieses Wissen wirklich in der Praxis auch Einzug in Behandlung
und Therapie?
Eine berechtigte Frage!
Trotz einiger positiver Ansätze in die richtige Richtung, wie Angebote
für autogenes Training oder Gesprächsmöglichkeiten in Herzgruppen,
liegt doch das Hauptaugenmerk auf der Behandlung der schwarz-auf-weiß
messbaren übrigen Hauptrisikofaktoren.
Der ganzheitliche Ansatz ist in den meisten Fällen nicht gegeben.

Psychokardiologie

„Von psychischem Stress gehen eindeutig Reaktionen mit Krankheitswert
für den Organismus aus“, warnt Professor Jochen Jordan, der Leiter
der ersten Klinik
für Psychokardiologie
in Bad Nauheim.

Denn wird das autonome Nervensystem jahrelang intensiv aktiviert,
resultiert daraus eine Dysregulation der Herz-Kreislauf- und Stoffwechselfunktionen.

• Das wiederum hält den Hypothalamus,
eine wichtige Schaltzentrale im Gehirn, in Dauerarlarm
• die Herzfrequenz ist gesteigert
• der Blutdruck ist erhöht
• Cholesterin und Triglyzeride sind vermehrt
• Die Aggregationsneigung der Thrombozyten ist gesteigert (erhöhte
Neigung zu Blutgerinnseln)
• Sauerstoffbedarf des Herzens ist erhöht
• Die Variabilität der Herzfrequenz gemindert
• Das Immunsystem ist geschwächt

Multipler Stress für das Herz

Diese obengenannten Mechanismen können Prozesse in Gang
setzen, die mit Blaulicht in die Intensivstation führen:

1994 nach dem großen Erdbeben in Los Angeles musste man
einen sprunghaften Anstieg plötzlicher Herztode verzeichnen.

Unter den Herkranken findet sich ein überdurchschnittlich
hoher Anteil an Patienten mit Depressionen, nahezu ein Viertel leidet darunter.

Durch fehlenden „social support“ (sozialer Rückhalt),
Kontaktarmut und soziale Isolation steigt das Infarktrisiko um das Dreifache.

Im ersten halben Jahr nach dem Tod der Ehefrau liegt die Sterblichkeitsrate
bei Witwern um 40 % höher als bei verheirateten Männern gleichen Alters
und Risikoprofils. Das „gebrochene Herz“ besitzt also eine medizinische
Grundlage (Broken-Heart-Studie).

Dass emotionale Bindung insbesondere für Männer ein
klarer Schutzfaktor ist, bestätigt sich darin, dass Single-Männer
ein 2,9 -fach erhöhtes Infarktrisiko haben.

Auch Frust am Arbeitsplatz, fehlende Anerkennung und geringe Eigenverantwortung,
auch „Gratifikationskrise“ genannt, gelten heute in der Psychokardiologie
als eine Risikosituation.

Kursänderung in der Kardiologie

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse etablierte sich die Psychokardiologie.
Sie hat die weitreichende Bedeutung des psychischen Stresses als Risikofaktor
für Koronare Herzerkrankungen klar erkannt und dieses Wissen findet sich
dementsprechend in der Diagnostik und Therapie.
Laut Professor Jordan kombinieren die psychokardiologischen Strategien konventionelle
kardiologische Methoden mit tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und
Verhaltensmedizin.

Konzept der Psychokardiologie

Auszug der Web-Site der Klinik
für Psychokardiologie
in Bad Nauheim:
Die Klinik für Psychokardiologie ist in ihrer Art weltweit einmalig: Sie
verbindet die Erkenntnisse der modernen Psychosomatik mit dem fundierten medizinischen
Wissen der Kardiologie. Wir haben dies zu einem integrierten Behandlungskonzept
weiter entwickelt, in dem das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile. Denn
nur wenn Diagnostik und Therapie den Menschen und die Entstehung seiner Krankheit
umfassen und ganzheitlich, d.h. in Körper, Geist, Seele und Verhalten betrachten,
kann es zu einer nachhaltigen Prävention, Heilung und Regeneration kommen.

Die Klinik stellt dazu ein psychokardiologisches Therapieangebot bereit, das
Elemente der Psychotherapie und Verhaltensmedizin mit der somatisch orientierten
Kardiologie verbindet. Im Vordergrund steht, ein höchstes Maß an
Individualisierung der Therapie zu erreichen.

Ein Konzept mit Zukunft

Es gibt Anlass zu hoffen, dass in Zukunft dieser ganzheitliche
Ansatz in Diagnostik und Therapie bei mehr Kardiologen Einlass findet.
Denn an der Universität in Göttingen wurde eine Schwerpunktprofessur
Psychokardiologie eingerichtet. Inhaber dieses bundesweit bislang einzigen Lehrstuhls
ist Professor Christoph Hermann-Lingen.

Leider übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen bislang
nicht die Kosten für die psychokardiologische Behandlung. Nur Privatversicherte
bekommen, je nach Kasse, einen Teil der Kosten zurückerstattet.

 

Buchempfehlung:

Buch Psychokardiologie

Contributions Toward Evidence-Based Psychocardiology:
A Systematic Review of the Literature (Gebundene Ausgabe)
von Jochen Jordan (Herausgeber), Benjamin Barde (Herausgeber), Andreas Michael
Zeiher (Herausgeber)